Zum Inhalt springen
scopal affairs, Foyer

Digital Harvest

Ein Instagram-Bot verteilte meine Komplimente und brachte mir rund 4.000 Follower. Ein abgeschlossener Versuch mit automatisierter Zuwendung, 2017–2019.

Instagram-Experiment · 2017

Typografische Komposition von 2026 aus historischen Bot-Kommentaren. Groß steht „a true treasure of precious zeitgeist“, umgeben von weiteren Komplimenten.
Digital Harvest · Instagram-Experiment · 2017

Von 2017 bis 2019 ließ ich einen Bot für meinen Instagram-Kunstaccount arbeiten. Er vergab Likes, folgte ausgewählten Accounts und verteilte Komplimente. Ich wollte sichtbar werden, ohne selbst die tägliche Interaktion und Konstanz aufzubringen, die dafür nötig waren. Als Grundlage diente die freie Software InstaPy. Meine Arbeit daran bestand in der Auswahl der Adressaten, den Regeln und vor allem der Sprache.

Komplimente auf Vorrat

Ich habe Liebe verteilt. Dafür schrieb ich einen Vorrat an Kommentaren, irgendwo zwischen schlichter Anerkennung, überschwänglichem Kunstsprech und einer kleinen Neckerei:

I value this!
a true treasure of precious zeitgeist
stellar evidence of postmodernist perception
can we count this to your magnum opus?
a key work in your insta-history?
This would be legendary in my collection

Diese Sätze hatte ich selbst formuliert; der Bot verteilte sie unter Bildern, die er über Kunst-Hashtags fand. Er hatte das einzelne Werk nicht beurteilt. Trotzdem erinnere ich mich daran, wie gut die Komplimente ankamen: Menschen freuten sich über die Ansprache und folgten meinem Account. Bots waren damals bereits bekannt. Eine freundliche Geste konnte offenbar trotzdem etwas auslösen.

Die verbreitete Strategie, massenhaft zu folgen und später wieder zu entfolgen, wollte ich nicht einsetzen. Ich empfand sie als unfair und als Gefahr für das Vorhaben. Der Bot folgte durchaus ausgewählten Accounts; das erhaltene Script enthält keinen Unfollow-Schritt. Im Mittelpunkt standen Likes und Lob.

Die Arbeit hinter der Aufmerksamkeit

Durch diese automatisierten Interaktionen und ihre Regelmäßigkeit gewann ich rund 4.000 Follower. Der Bot übernahm eine Arbeit, auf die ich selbst keine Lust hatte. Das machte für mich greifbar, wie viel laufende Beschäftigung eine Plattform verlangen kann, bevor überhaupt jemand die eigene Arbeit sieht.

Die fröhliche Vorstellung von Social Media, in der gute Arbeit oder ein gelungenes Meme über Nacht ein Publikum findet, passte wenig zu meiner Erfahrung. Sichtbarkeit entstand hier durch wiederholte Kontaktaufnahme. Ohne Automation hätte mich diese Beschäftigung stark an die Plattform gebunden. Ich wollte Zeit für meine Arbeit und für Beziehungen außerhalb dieser Routine behalten.

Gleichzeitig hatte ich etwas davon, dass andere Menschen die Ansprache als Zuwendung empfanden. Meine Absicht war freundlich, doch der einzelne Kommentar entstand ohne meine Aufmerksamkeit für das konkrete Bild. Die mögliche Freude auf der anderen Seite und mein Interesse am Wachstum gehören beide zu diesem Versuch.

Was erhalten ist

Eine öffentliche Script-Fassung trägt das Erstellungsdatum 14. März 2018. Sie enthält 43 vorbereitete Kommentare und 15 Kunst-Hashtags. Regeln zu Followerzahlen und Ausschlusswörtern grenzten die Auswahl ein; Kommentare waren auf zehn Prozent eingestellt. Zwei Ausschnitte zeigen die Konfiguration:

bot.set_do_comment(True, percentage=10)
bot.set_comments(comments)
bot.set_ignore_if_contains(ignore_words)
bot.like_by_tags(tags, amount=100)
bot.follow_user_following(
    influencers, amount=15,
    randomize=False, sleep_delay=60
)

Das Script dokumentiert meine Auswahl und die vorgesehenen Abläufe. Eine vollständige Aufzeichnung der damaligen Interaktionen habe ich nicht mehr. Die Followerzahl und die Reaktionen beschreibe ich aus meiner Erinnerung; sie sagen für sich genommen nichts darüber aus, wie dauerhaft die entstandenen Verbindungen waren.

Der Versuch ist abgeschlossen. Hier bleiben die Sprache, mit der ich ihn betrieben habe, und die Erfahrung, dass sich ein Publikum auch durch delegierte Zuwendung aufbauen ließ.

Nachtrag · 2026

Im selben Jahr, in dem dieser Versuch begann, erschien Attention Is All You Need. Im dort vorgestellten Transformer bezeichnet „Attention“ einen Mechanismus, der Informationen abhängig von ihren Beziehungen zueinander gewichtet. Diese rechnerische Bedeutung unterscheidet sich von der Aufmerksamkeit zwischen Menschen. Im Rückblick interessiert mich, wie in beiden Zusammenhängen Beziehungen durch Auswahl und Gewichtung organisiert werden.

Näher an meinem Versuch liegt Michael H. Goldhabers The attention economy and the Net von 1997. Er beschreibt Aufmerksamkeit als knappe Ressource und „illusory attention“ als den Eindruck persönlicher Zuwendung bei einer Ansprache, die vielen gilt. Darin erkenne ich etwas von meinen vorbereiteten Komplimenten wieder: Die Worte ließen sich vervielfältigen, die Aufmerksamkeit der Angesprochenen blieb begrenzt. Der Bot sparte meine Aufmerksamkeit, indem er um die Aufmerksamkeit anderer warb.

Titelbild: typografische Komposition aus den erhaltenen Kommentaren, 2026.

Historisches Script ansehen · InstaPy, verwendete Software

Bildansicht